Ruth Rieser
Ruth Rieser studierte am Max Reinhardt-Seminar und an der École Supérieure d’Art Dramatique du Théatre National de Strasbourg Schauspiel und an der Universität Wien Theaterwissenschaft.
Sie spielte Hauptrollen u.a. am Stadttheater Klagenfurt, am Staatstheater Stuttgart oder am Theater i.d. Josefstadt. Sie war Irina in den „Drei Schwestern“ Tschechovs oder Julie in Molnars „Liliom“. Sie war Luise in Schillers „Kabale und Liebe“, Marjorie in Mastrosimonones „Extremities“ oder, schon als 17-Jährige, Ismene in „Antigone“. Weiters spielte sie in Fernseh- und Kinoproduktionen in Österreich, Deutschland und Brasilien, u.a. inSchuld der Liebe (Regie: Andreas Gruber, Österreich/Schweiz 1997), Gebürtig (Regie: Robert Schindel und Lukas Stepanik, Österreich/Deutschland/Polen 2001) oder Lost Zweig (Regie: Sylvio Back, Brasilien 2001/2002). Beim Brasilia Filmfestival 2003 wurde Ruth Rieser als beste Schauspielerin mit dem „Candango“ ausgezeichnet.
Nun ist Ruth Rieser auch als Filmemacherin tätig. „du und ich“ ist ihr erster Film.
Stimmen zu Ruth Rieser als Schauspielerin
“Immer wieder, über die Jahre, sehe ich Ruth Rieser in einem Theaterstück oder in einem Film. Es ist nicht nur ein Hinschauen, ein Ansehen, es ist eine Faszination, die ich bei ihrem Spiel empfinde. Ich habe selten eine Schauspielerin gesehen, die zwei so widersprüchliche Grundhaltungen in sich vereinigt: eine ganz große, geheimnisvolle Poesie und einen sehr irdischen Realismus. Sie ist in ihren Rollen nicht abwechselnd das eine oder das andere, sie ist immer beides in einem.” Peter Turrini, Theaterdichter
“…Und nun kommt eben, fast ohne Worte, oder hinter banalen Worten versteckt, das Unerwartete, das sich jeder Autor erträumt: Dass der Zuschauer, ohne große Gestik und Mimik von Seiten dieser Frau, das Aufwallen eines Gefühls, des von ihm erwünschten Gefühls mitbekommt, von ihm gepackt wird und mit ihm einverstanden ist. In wenigen Minuten einer der anrührendsten Momente des ganzen Films. Und weil sie so etwas kann, weil sie (sie zeigt es auch in anderen Szenen) selber ergriffen ihre Ergriffenheit scheinbar absichtslos auf uns übertragen kann, halte ich Ruth Rieser für eine große Schauspielerin.” Georg Stefan Troller, Autor und Filmemacher
“Keine Ruhe. Schönheit. Grazie. Unermüdliche Energie. Dies hat Ruth Rieser in meinen Inszenierungen gespielt.” Martin Kusej, Regisseur
“Ich hatte die Freude mit Ruth Rieser Charektere zu erarbeiten, denen sie mit großer, ernsthafter Genauigkeit und ungewöhnlichem Feingefühl auf den Seelengrund ging… sie bezauberte durch eine ihr eigene Bühnenpräsenz und eine emotionale Wahrhaftigkeit, die sich nicht scheute die Tiefen des Schmerzes und der Trauer der Figuren auszuloten und den Weg dahin in ihrem ganzen Ausdruck nuancenreich mitzuerzählen. Darüber hinaus habe ich sie als besonders warmherzigen Menschen kennen gelernt, der unsere gemeinsamen Produktionen durch ihre Lauterkeit bereicherte.” Dietmar Pflegerl, Regisseur
BIOGRAFIE Ruth Rieser
Schauspielerin, Filmemacherin, Drehbuchautorin
Geboren in Klagenfurt
Wurde im Jahr 2003 Mutter eines Sohnes
Schauspiel
Schauspielausbildung am Mozarteum Salzburg, am Max-Reinhardt-Seminar (Diplom 1989) und an der École Supérieure d`Art Dramatique du Théatre National de Strasbourg / Frankreich 1990
Studium an der Universität Wien, Theaterwissenschaft, Diplomarbeit über Eleonora Duse 1992
Mag.art
Candango-Preisträgerin: Brasilia Film Festival 2003, „Best actress“
Fernseh- und Kinoproduktionen in Österreich, Deutschland und Brasilien
Engagements am Stadttheater Klagenfurt, am Theater in der Josefstadt, Staatstheater Stuttgart u. a.
Drehbuch & Regie
du und ich
Dezember 2011 Premiere des ersten Kinodokumentarfilms, du und ich.
Die Geschichte der großen Liebe zwischen der körperlich beeinträchtigten Hiltraud und ihrem nicht behinderten Lebensgefährten Franz. In einem Zeitraum von sechs Jahren, lange Phasen intensiver Arbeit am Filmprojekt. Am Ende steht die Gewissheit, dass Träume wahr werden können. Für Hiltraud, Franz – und alle anderen, die an sich glauben.
„Ich widme meinen Film all jenen Menschen, die ihren Träumen folgen, und die Kraft des Geistes nutzen,
um sich ein erfülltes Leben zu ermöglichen.“
Interview mit Ruth Rieser
Sie kennen Hiltraud, die Hauptdarstellerin in du und ich, seit Ihrer Kindheit. Wie kam es dazu, gerade jetzt einen Film über sie und ihren Lebensgefährten Franz zu machen?
-Gerade jetzt- dauert inzwischen sechs Jahre, mein Kinodokumentarfilm wurde im September 2011, also -jetzt- fertiggestellt. Mein Glück als Filmemacherin ist es, dass die Lebensgeschichte meiner beiden Protagonisten über die Jahre intensiver, durch weitere Erfüllungen aufregender, interessanter und noch schöner wurde. Die glückliche Entwicklung einer wahren Liebe. Zwei Menschen, die ihr Glück und ihre Erfüllung im -du- finden. Mein langer Atem hat sich also für uns alle gelohnt, für meine Protagonisten, denen ich dafür danke, dass sie mir und meinem Filmprojekt über all die Jahre ihr Vertrauen geschenkt haben. Dass sie den Film nun mögen, ist nicht selbstverständlich zu erwarten, doch es freut mich. Es hat sich für mich als Regisseurin gelohnt, da ich nun dem Publikum einen persönlichen Film präsentieren kann, der in seiner authentischen und wahrhaftigen Kraft, bewusstseinsverändernd und sensibilisierend wirken könnte. Die beiden Menschen, Hiltraud und Franz und ihre wundersame Geschichte, die gesellschaftliche Erwartungen und Erfahrungen herzerwärmend übertrifft. du und ich wurde in der Zeitspanne von 2007 bis Ende 2010 gedreht, 2005 schrieb ich das erste Treatment, dann die erste Drehbuchfassung.
Als wir beide uns das erste Mal gesehen haben, war es nach 22.00 Uhr abends, Sie waren müde, aber gleich- zeitig voller Eifer. Sie haben nun sechs Jahre Arbeit hinter sich. Haben Sie in dieser Zeit jemals gezweifelt?
Diese Perle Film, in seiner tiefen Menschlichkeit und seinem Humor, rollt in die Welt, er wird seine Wege finden über die Zeit, darin liegt meine Freude und ich kann zurücktreten, um mich neuen Aufgaben zu widmen. Ich habe nie an meinem Filmprojekt gezweifelt, das Problem war, dass es andere gemacht haben. Alles hat seine Zeit und darin liegt auch die Qualität dies zu erkennen. Ich wusste, wenn es noch weitere Jahre dauern würde, ist dieser Bogen überspannt und damit ein Gelingen unmöglich gemacht. Erst 2010 war du und ich durchfinanziert, es war für dieses Filmprojekt und für mich die letzte Chance einer Realisierung. Ich danke allen Förderern und Instituten, die den Film finanziert und somit doch ermöglicht haben!
Sie standen und stehen als Schauspielerin seit rund 20 Jahren vor der Kamera und auf der Bühne; nun als Drehbuchautorin und Filmemacherin erstmals hinter den Kulissen. Wie haben Sie den Rollenwechsel erlebt?
Damals, meinen Sohn Leonard stillend, mein Schreiben intensivierend … Es gibt keinen „Wechsel“. Es ist die selbstverständliche und harmonische Entwicklung meines Lebenswegs als Künstlerin, nun auch als Drehbuchautorin und Filmemacherin zu arbeiten, zusätzlich zu meinen Berufen als Schauspielerin im Film, TV und am Theater.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen ein paar Tage nach der Premiere Ihres Films in einem beliebigen Kino, in Österreich oder anderswo: Wen würden Sie gerne im Publikum sehen?
Menschen im Alter von 8 bis 108, gerne auch darüber hinaus …
Wer du und ich sieht, der erlebt einige sehr intime Momente mit Hiltraud und Franz. Was braucht es, um Szenen wie diese mit Laien authentisch darzustellen?
Hiltraud und Franz sind keine -Laien, die darstellen-. Sie sind zwei Menschen, die -sind-, im Dokumentarfilm sie selbst sind. Und es ist kein Film der -action-, sondern er orientiert sich an diesen beiden Menschen, die nicht dem heutigen Zeitgeist nachhetzen, sondern bei sich angekommen sind. Unsere Arbeit entstand auf Basis unseres Vertrauens. Um sie wissend, welche Vorbereitung, Atmosphäre ich für die beiden schaffen muss, damit im -Jetzt eines Drehtags-, sich Authentisches entwickeln kann. Dass sich nichts „darstellt“, noch verzerrt wird, nichts Fremdes sich einschleicht, störende Einflüsse unterbunden werden, damit die beiden sich ungezwungen fühlen, -sein- können, sich nicht -verhalten-. Lebendiges, ein Geschehen möglich wird, da sie das kleine Filmteam integriert haben und ich als Regisseurin subtil und sensibel wirken kann, abgesehen von meiner Arbeit vor einem Drehtag.
Eine komplexe und hohe Anforderung, der nicht immer entsprochen werden konnte, eine Herausforderung für uns alle.
Welche Szene war die schwierigste in Ihren Augen?
Wenn Befindlichkeiten im Team und deren Focus darauf wichtiger genommen wurden, als das Wohl der bei- den Protagonisten und die positive Arbeitsstimmung. Ein Drehtag ist wie ein ganz sensibles Netz, es gerät immer das Gesamte ins Vibrieren, da diese Arbeit grundsätzlich eine intime, sehr persönliche ist.
Abgesehen von der Arbeit mit Franz und Hiltraud: Welche Personen waren entscheidend für Ihre künstlerisch Arbeit am Film?
Mein Drehbuch fordert bestimmte dramaturgische Elemente ein, daher war ich auf der Suche nach KünstlerInnen, die mich dabei unterstützen, diese Elemente wie Puzzleteile zu einem großen und einzigartigen Bild zusammen zu fügen. Dabei ging es unter anderem um die Filmmusik, um die Animationen und um innere Bilder. Es kam zu wunderbaren Zusammenarbeiten. Tanja und Marc von „Lonley Drifter Karen“ sind für die fantastische Filmmusik verantwortlich, Friedrich Gföllner komponierte den Titelsong, und Deborah Carmichael krönt durch ihren Gesang den Höhepunkt des Films. Die Animationen entwickelte Tim Maresch auf besonders einfühlsame und humorvolle Art aus Bildern, die Hiltraud am PC malte. Maria Hubinger verzauberte mit ihren „light curtains“ und Miriam Amelie Rieser beeindruckte durch ihre Ausstrahlung und machte unter Wasser sogar den Delfinen Konkurrenz. Natürlich waren noch viele weitere besondere Menschen an du und ich beteiligt – zum Beispiel mein Sohn, der uns auch am Dreh zum Lachen brachte.
Was unterscheidet du und ich von anderen Dokumentationen über Menschen mit besonderen Bedürfnissen?
„Sei realistisch. Plane ein Wunder.“ Dieser Satz begleitet mich schon viele Jahre. Die beiden Protagonisten, so der Inhalt meines Films, stehen im Dialog mit dieser geistigen Kraft und unseren Möglichkeiten …
Sie sind Hiltrauds Cousine, sind mit ihr aufgewachsen. Wie ist Ihre Familie mit Hiltrauds Beeinträchtigung umgegangen?
Wie soll ich antworten auf Ihre Frage, wenn etwas als selbstverständlich und natürlich integriert ist? Ich könnte rückfragen, wie gehen Sie mit Ihrem Kind um, mit Ihrem Mann, Ihrem Nachbar?
Wie nehmen Sie die Haltung der Gesellschaft gegenüber behinderten Personen heute war?
Auf so eine große Frage wäre ein Buch die gemäße Antwort. Wie könnte ich mich in einem Interview kurz fassen und trotzdem gemäß für all die Menschen antworten, die in der Gesellschaft nicht wirklich Raum und Platz, Wertschätzung und Interesse, Respekt und Arbeit bekommen, geschweige denn Mitgefühl und Liebe? Maximal Mitleid und sporadische Interessenserklärungen. Die als -Es- wahrgenommen werden, nicht als Frauen und Männer.
Ich will fair sein, es gibt viele Bemühungen und auch positive, konkrete Veränderungen. Doch es fehlt an Akzeptanz in Augenhöhe. Mich würde zum Beispiel interessieren, wie viele Menschen es in Österreich gibt, die auf Rollstühle angewiesen sind. Wie viele gibt es, die nicht einmal diese Möglichkeit aufgrund ihrer Behinderung nützen können und wie viele gibt es, die es auch ohne Rollstühle, „trotzdem“, schaffen? Wo sind all diese Menschen? Kann man ihnen auf den Straßen, in Bussen, Zügen usw. begegnen, in Kinos, Theatern, Museen?
Sie werden weggesperrt, schon alleine durch die Tatsache, dass man sie nicht einlädt, und Stufen baut, auf die Lifte vergisst, viel zu enge WCs zimmert, pro Kino- oder Theatervorstellung nur zwei Plätze für Rollstuhlfahrer anbietet. In Lokale und Cafes kommen sie grundsätzlich nicht rein, außer sie werden -begleitet-, und alle Barrieren können mit Hilfe überwunden werden, und und und.
Sie gehen aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung ganz natürlich um mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Fällt Ihnen im Alltag auf, dass Menschen, die diese Erfahrung nicht haben, unsicher sind im Umgang mit Personen mit Handicap?
Was bedeutet es, mit einem Menschen -ganz natürlich umzugehen-? Ihn als gleichwertig anzusehen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, den Mitmenschen im Mitgefühl wertschätzend wahrzunehmen, davon ausgehend, dass man auch selbst akzeptiert, wertgeschätzt und respektiert wird? Das wäre ein ganz natürlicher Umgang, oder? Ist das unsere, Ihre Realität in Ihrem Alltag? Ja? Ich erinnere mich, als mein Sohn noch ein Baby war und ich mit dem Kinderwagen versuchte, in Wien die Straßenbahnen zu erklimmen, eindeutige und sichtbare Schwierigkeiten hatte, das alleine zu schaffen, weil diese Stufen so hoch und die Straßenbahnen so eng waren. Warum haben meine Mitmenschen immer die Flucht ergriffen, wenn sie den Kinderwagen sahen und sind rasch zu einem anderen Eingang gelaufen, um anderswo einzusteigen? Doch es gab auch Ausnahmen, auf diese sind Menschen mit besonderen Bedürfnissen angewiesen. Ich konnte diese abhängige Situation lösen, indem ich mein Baby, unterwegs seiend, an meinen Körper band und so in Sicherheit vor Ignoranz, Arroganz und Kälte war. Das sind ansatzweise Erfahrungen, wie es ist, wenn man auf die Hilfe von Mitmenschen im Alltag angewiesen ist. Ich möchte diese Abhängigkeit nicht erleben müssen. Und so träume ich von der Welt, wenn Mitgefühl und Hilfsbereitschaft -in- werden, wenn das -du- an Marktwert gewinnt.
Wie lässt sich die Unsicherheit der Menschen überwinden?
Am leichtesten mit Humor. Apropos Humor: Es ist amüsant, zu beobachten, wer meinen Filmtitel umdreht, und zuerst -ich- sagt, dann -du-.
Was gibt es für Politik und Gesellschaft noch zu tun, um die Situation von Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu verbessern?
Die langen ausgearbeiteten Listen ins Konkrete umsetzen und Geld investieren, nicht „einsparen“, was der aktuelle politische Trend ist. Menschen in sozialen Berufen machen die sinn- und wertvollste Arbeit für unsere Gesellschaft, sie werden am geringsten entlohnt und genießen keinen VIP-Standard, sollten sie aber. Gibt es ehrliches Interesse für Verbesserungen von PolitikerInnen und in der Gesellschaft? Dann werden wir es konkret erleben und mitarbeiten.
Ich bitte Sie um kurze Assoziationen zu folgenden Begriffen
Liebe. Zuhause sind wir wo die Liebe wohnt.
Normalität. Eine Behauptung, um eine -Norm- kontrollieren zu können.
Behinderung hindert nicht. Außer Mitmenschen machen daraus ein Privileg, keine körperlichen Behinderungen zu haben.
Gesellschaft, schafft Gesellen, Hierarchien, VIPs, Außenseiter.
Werte sind stark in Wandlung.
Diskriminierung fängt in Familien an und findet kein Ende …
Mitleid leidet mit. Mitgefühl fühlt mit.
Freiheit, die Muse für meine Kunst.
Träume. Ich träume, also bin ich.
Realität. „Sei realistisch. Plane ein Wunder.“
Ein ruhiges Leben ist, wenn ich in die Stille gehe.
Abwechslung ist das Wesen des Lebens.
Wo und in welcher Rolle sehen wir Ruth Rieser das nächste Mal?
Das hängt von interessanten Angeboten ab, um wieder in Rollen einzutauchen, zu spielen, wofür ich brenne. Zur Zeit arbeite ich an meinem ersten Spielfilmprojekt.